War Nerd

Hier haben wir wieder einmal das Beispiel eines buchgewordenen Blogs (click war nerd) von Gary Brecher. Inzwischen ist das anscheinend mächtig in Mode gekommen, aber wirtschaftlich macht es Sinn: Der Autor hat kaum Arbeit, redigiert vielleicht ein paar Artikel und anhand der Besucherzahlen des Blogs kann er sicherlich grob die Verkaufszahlen vorhersagen. Also fast zwingend. Ich kann allerdings glaubhaft versichern, daß das Buch zu puls200 frühestens 2050 rauskommt :). Worum geht es hier? Das Buch ist eine Sammlung von Kolumnen, die Kriege, nein, die kommen ja nicht mehr so richtig vor.. also richtiger gewalttätige Auseinandersetzungen und Krisenherde in äußerst zynischer Weise kommentieren. Das Ganze ist in Kontinente bzw. Subkontinente gruppiert, wobei “Americas” eher mager, dafür “Africa” und “Middle East” reichlich beinhaltet sind.
Dieser Kerl ist politisch unkorrekt, ganz ganz böse, streckenweise lustig, überaus zynisch und vor allem sehr belesen und gut informiert. Fazit: Das Buch ist jedem uneingeschränkt zu empfehlen, der mal hinter die Kulissen der medialen Berichterstattung schauen will (aktuelles Beispiel: “Mr. Mugabe” oder das Demokratieverständnis Afrikas). Man muß mit ihm nicht einer Meinung sein, aber die grauen Zellen werden definitiv in Bewegung gesetzt.
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Gesundheit komatös

Nachdem ich ihr [diesen Artikel] geschickt hatte bekam ich diese Antwort:

Hmmm, ja, im Prinzip nicht ganz falsch – aber wir haben immer noch ein Solidarsystem im Gesundheitswesen, und wenn du die Spaßsäufer ausschließt, musst du eigentlich auch alle anderen ausschließen, die sich aus Spaß in Gefahr begeben, also sämtliche Sportler zum Beispiel.
Musiker müssen schließlich auch private Versicherungen abschließen gegen das sogenannte Berufsrisiko …

Richtig wäre eigentlich, dass nur noch Routine- und Vorsorgeleistungen (dann aber wirklich konsequent von den U’s der Kinder bis hin zu Hautarzt und Gynäkologe) und Arbeits- oder Haushaltsunfälle und alles für Kids unter 18 vom öffentlichen Gesundheitswesen bezahlt wird. Für alles andere müsste es Kategorien privater Versicherungen geben. DAS wäre gerecht. Dann müsstest du dich als Freizeitschwimmer registrieren, ich mich als Orchesterlaie und als (vermutlich ziemlich teurer) Kampfsportler. :-) Nur Freeclimber, Taucher und Fallschirmspringer beziehungsweise Motorradfahrer sind dann teurer.
Und auch für Autounfälle könnte man theoretisch eine stufbare Wegeversicherung anbieten. DAS würde vielleicht auch dazu führen, dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung akzeptiert wird?

Leider kann sich der Bürger über solche Vorschläge überhaupt keine Meinung bilden. Wie werden die eingenommenen Beiträge verteilt? Oder ganz primitiv: Ich gehe zum Arzt, lege mein Kärtli hin und er führt eine Untersuchung durch und gelangt zu einer Diagnose. Vielleicht bekomme ich noch was verschrieben. Jetzt wäre eine Umfrage am Ausgang nett: Schätzen Sie die durch Ihren Besuch verursachten Kosten. Wer näher als 200€ dran ist bekommt einen Luftballon. Wieviel Luftballons braucht man an einem durchschnittlichen Morgen mit 25 Patienten?

Das Problem an jedem Solidarsystem besteht darin, daß es viele Geber als latent ungerecht empfinden, die Nehmer jedoch den Ball flachhalten oder es als selbstverständlich ansehen, alle Leistungen in Anspruch nehmen zu können, auch wenn sie nie etwas eingezahlt haben. Hier könnte man doch mal hergehen und einfach Zahlen auf den Tisch legen. Wenn man noch einen gemittelten Sockelbetrag für Verwaltung, Gebäude usw. dazu rechnet könnte am Jahresende jeder von seiner Krankenversicherung ein Blatt erhalten, auf dem alles genau aufgeführt ist: Erhaltene Leistung gegen verursachte Kosten. Danach kann man Beitragsdiskussion, Ärztestreiks und Krankenhausschließungen zumindest inhaltlich besser verstehen. Aber solange das Gesundheitssystem nur eine große “black box” ist wittert jeder (mehr oder weniger zu Unrecht) Gemauschel, Gesundstoßer und Abzockerei. Machen Sie den Test! Lassen Sie sich von einem Bekannten den Geldfluß im Gesundheitswesen beschreiben! Wer kommt über die erste Zeile hinweg? Wenn vom Gehalt jeden Monat hunderte Euros dahin abfließen, man selbst jedoch 3 Monate auf einen Facharzttermin warten muß, kommen einem schon langsam Zweifel. Nein, nicht langsam, es geht eigentlich ganz flott. Mit den Zweifeln.

Frauenbeauftragte

Mit den geplanten Internet-Übertragungen müssen die Abgeordneten rechnen, dass sie künftig noch genauer unter Beobachtung stehen. So wäre auch ein FDP-Abgeordneter nicht nur einem Zeitungsreporter auf der Tribüne aufgefallen, der in der Ende März zu Ende gehenden Legislaturperiode einmal während einer Plenarsitzung im Männermagazin “Playboy” blätterte und damit die hessische Frauenbeauftragte gegen sich aufbrachte. Da half ihm auch die Entschuldigung nichts, die Zeitschrift sei für einen anderen, erkrankten Fraktionskollegen bestimmt gewesen. (dpa)

(Heise Online)

Mensch wenn er gesagt hätte “weil’s mir so gähn-langweilig ist” hätte ich fast mal wieder FDP gewählt.
[Edit]: Wenn wir schonmal bei der FDP sind: Auch diese Partei tut sich mit viralem Marketing hervor. Schließlich sind bald Wahlen.
Virales Marketing? Was war das nochmal? Hier nachschlagen.

Global gedacht?

[Edit: Schon vor ein paar Tagen verfasst… aber anstatt “Publish” “Save” gedrückt ;-) Naja, wenn das kein Zeichen ist]

Wie sagte unser Geschäftsführer heute so schön.. “global denken, lokal handeln”. Wie wahr. Also, Investment in sturmsichere Sonnenkollektoren. Quark. Die Hessenwahl vergangenen Sonntag war ein schönes Beispiel dafür was passiert, wenn man es genau andersherum macht. Ein lokales Ereignis dient als Vehikel für globalen Aktionismus. Das ist deshalb wahlkämpferisch effektiv, weil sich jeder RTL Explosiv-Gucker in das lokale Ereignis hineindenken kann. Besonders schaurig-schön ist nun auch festzustellen, wie die Berichterstattung über gewälttätige Jugendliche blitzartig gestoppt wurde. Ich glaube kaum, daß die Typen jetzt aufhören Rentner zu treten, nur weil die CDU 11 Prozent verloren hat. Ich meine, hey, wenn das das wichtigste Politikum ist, das den ganzen Wahlkampf beherrscht, braucht man sich nicht zu wundern, daß überhaupt noch 64% ihr Kreuzchen gesetzt haben. Gibt’s denn keine anderen Probleme? Der globale Aktionismus hingegen wird denn – so er überhaupt umgesetzt wird – im Sande verlaufen. Das vorherrschende Problem, wie man mit schwach begabten und obendrein schlecht ausgebildeten Volksteilen umgeht ist nicht erschüttert worden. Jo, Jugendknast, Härte zeigen, abschieben, was soll das alles. Aktionismus. Symptombehandlung.
Das Problem, leider nur lokal denken zu können und dennoch die Befähigung zu haben, globale Entscheidungen zu treffen betrifft offensichtlich einen nicht unerheblichen Anteil der politischen Kaste. Parteizugehörigkeit spielt dabei keine Rolle. Das ist der berühmte Unterschied zwischen Taktik und Strategie: Im kleinen und im Großen.
Ich möchte mal Strategien hören. Wie sollen Ansätze für den langfristigen Erfolg zur Lösung von Problemen wie Jugendkriminalität und Integration aussehen? Was wollen wir eigentlich, wie soll die Gesellschaft aussehen? Das müssen keine mehrheitsfähigen Kuschelentscheidungen sein, aber dieses Gebrabbel, das nur vom Kern der Probleme ablenkt geht inzwischen nicht nur mir mächtig auf die Nerven.
Aber es gibt noch Hoffnung.

Das Ende der Birne

Minister Gabriel zum Thema “Glühbirne” als politischer Trittbrettfahrer (hatte ich das nicht ein paar Tage vorher woanders gelesen? Welches Land will nochmal gleich die Glühbirnen abschaffen?) Was im Grunde richtig ist, ist aber genauso Lobbyarbeit wie das Editorial des ADAC Vizepräsidenten in der meistgelesenen Zeitschrift Deutschlands. Richtig, das ADAC-“Blättle”. Da fordert er, daß die KfZ Besteuerung “umweltgerecht” nach CO2 Ausstoß berechnet werden soll. Das ist zwar auch nicht verkehrt, aber was soll das Ganze, wenn der CO2-reduzierte Neuwagen trotzdem 15l Super zieht? Das hilft höchstens als Daseinsberechtigung für die Bürokratie, neue Vergabeschlüssel für die KfZ zu vergeben und sich im allgemeinen wichtig zu machen. Es ginge doch so viel einfacher: Die KfZ-Steuer, so sie denn sein muß einfach über die Tankstellen einziehen! Die bei der Verbrennung entstehende Gasmenge ist direkt proportional zum Kraftstoffverbrauch. Ganz simpel, das muß man dem Wähler nicht mal extra erklären.
Allem Gemecker hier zum Trotz bin ich froh, daß das Thema Energie endlich die Medienpräsenz hat, die es schon lange verdient hat. Auch wenn meine Elterngeneration die Aufregung nicht nachvollziehen kann und sich gleich bevormundet fühlt, nur weil irgendjemand fordert, man solle nicht mehr nach Bangkok sondern umweltschonend in den Bayrischen Wald fliegen. Der Erholung wegen. Inzwischen müßten wir uns doch an die politischen Aktivisten gewöhnt haben um zu erkennen, daß hier nur jemand ganz schnell oderhochwassertypisch Punkte ziehen will.

Iraqi freedom?

John Keegan: “The Iraq WarSterneSterneSterneSterneSterne

Hierbei handelt es sich um ein brilliant recherchiertes Buch, das den gesamten Hergang des derzeit ablaufenden Irakkriegs beleuchtet. Der erste Teil holt weit aus, erklärt die historischen und theologischen Grundlagen, angefangen von der antiken Frühgeschichte, über das Osmanische Reich zu der Kolonialverwaltung durch die Engländer. Ebenso enthalten eine detaillierte Schilderung der Amtszeit von Saddam Hussein.
So genau auf die militärischen Details eingegangen wird, so unerklärt bleibt die politische Zielsetzung. Die Opposition der Europäer zu dem Krieg wird als “Olympianism” abgetan. Das sei die Verblendung, alle Konflikte diplomatisch lösen zu wollen (und die damit verbundene Zahnlosigkeit). Im Falle Europas mag das stimmen, aber zwei wesentliche Argumente Europas gegen den Krieg wurden weggelassen:
– Der Beweis für die Existenz der sog. “weapons of mass destruction” (TM) wurde nie erbracht
– Ein Konzept für die politische Neuordnung nach der Invasion wurde nicht vermittelt (siehe derzeitiger Zustand)
Es bleibt daher ein etwas halbseidener, hurra-patriotischer Geschmack zurück. Man mag Keegan zwar gern zustimmen, daß die Invasion ein brilliant ausgeführtes militärisches Manöver war, bei dem die Invasoren sich redlich bemühten zivile Opfer zu vermeiden. Aber danach? Skepsis bleibt. Es wird auch keine Vision einer möglichen politische Neuordnung der Region vermittelt, außer eines aktualisierten Nachwortes (von 2005, das Buch ist aus 2003). Darin aber im wesentlichen nur interessant die Beschreibung der Partikularinteressen der anderen Grenzstaaten.

Gas & AC-130

Zwei außenpolitische Themen haben es diese Woche sogar in die “Charts“, nein, ich meine in die Schlagzeilen geschafft, die ich selbst schon seit einiger Zeit intensiver beäuge:

  1. Die nicht besonders subtile Art der Putin-Schröderschen Firma zu zeigen, wo hier die Abhängigkeiten liegen. Wer ohne ausreichende Eigenproduktion Unmengen an Energie verbraucht liefert sich gutgläubig denjenigen aus, die unsere rechtstaatlichen Werte nicht teilen. Beschwichtigungen von allen Seiten, die Vorräte reichten aus, außerdem hätte der Zulieferer nun auch ein Interesse daran, daß wir beliefert werden. Ja genau! Das Interesse hat er und an Gegenleistung in Form von Devisen, außenpolitischen Stillhalten und anderem ist er auch interessiert. Vorausschauende Politiker (ein Oxymoron, oder gar eine Contradictio in adjecto?) könnten diesen Anklang einer Krise dazu nutzen, die Umbildung der Energieversorgung anzugehen. Einen Anklang hiervon hört man im Statement von Frau Merkel. Ok, zuviel Optimismus für einen verregneten Dienstag im Januar.
  2. In Somalia, einem Land mit derzeit reichlich Blei in der Luft sind gestern die Amerikaner zum ersten Mal offen in die Kampfhandlungen eingetreten. Nachdem die äthiopischen Truppen die unbeliebte Bodenarbeit fast abgeschlossen haben und die islamischen Milizen an die kenianische Grenze gedrängt haben wurden gestern nacht AC-130 gegen Ansammlungen Versprengter eingesetzt.
    Diese Propellerflugzeuge stammen aus dem Vietnamkrieg (“Puff the Magic Dragon“) und besitzen Miniguns, die seitwärts aus dem Rumpf auf den Boden gefeuert werden, während das Flugzeug einen Kreis um das Ziel fliegt. Das klappt natürlich nur dann, wenn faktisch keine Luftabwehr vorhanden ist. Sollten die Islamisten dort tatsächlich am Rand einer Niederlage stehen? Die Parallelen zum Irak sind unübersehbar. Hier könnte sich eine mögliche Alternative zur derzeitigen amerikanischen Strategie abzeichnen.