Westweg Etappe 8: Thurner – Feldberg

Montag, 26.6.2017
Meine unfreiwillig letzte Etappe beginnt wieder mit einem strahlenden Morgen. Im Frühstücksraum wird vorwiegend spanisch gesprochen. Das ist mir übrigens schon mehrfach aufgefallen: Im Schwarzwald sind sehr viele Spanier unterwegs! Genauso wie viele Belgier, mit denen man ab und zu ins Gespräch kommt. Beide Nationen sind offenbar nicht so ganz die navigations-stärksten Wanderer ;-)
Frisch gestärkt mache ich mich auf den Weg (Òle!). Es ist noch kühl, und inzwischen läuft es sich wie fast von selbst: Nichts drückt, ich bin ausgeschlafen und Kräfte sind da.
Der Tag ist vollkommen wolkenlos und auf Anhöhen kann man sehr weit schauen. An einem Abzweig eine merkwürdig geformte Bank. Kommt mir bekannt vor, ganzseitiges Bild im Wanderführer. Okay, ich bin richtig. Kurz vor dem Wanderheim Berghäusle erreicht man einen Sattel: Dort ist tatsächlich der Nordrand der Alpen inkl. Schneebedeckung sichtbar! Das erzwungene Weitwinkel des Handys ermöglicht leider kein brauchbares Foto. Hinter dem Wanderheim kurze Pause, dann geht es auf der Straße hinunter nach Titisee. Hier trifft man auf die geballte Schwarzwaldtouristik. Ferien auf dem Bauernhof, ein Golfplatz, Fahrzeuge aus ganz Europa, Kurgäste, das volle Programm. Mitten im Ort teilt sich der Westweg. Ich bin so auf der Suche nach einer Bank (zum Geldabheben), dass ich den Abzweig erstmal verpasse. Im Ort gibt es übrigens (nur) noch eine einzige Sparkasse. Neu finanziert und orientiert erreiche ich das Seeufer. Es ist 12 Uhr, das Strandcafe macht gerade auf. Die Sonne scheint, ich bin bereit für meine übliche Stärkung (Kuchen + JoBe-Schorle). In der Sonne wird es schon wieder richtig heiß. Nach einer halben Stunde will ich weiter, ich packe wieder alles auf und verlasse den Ort hinter dem Strandbad, steil den Berg hinauf. Auf dem Weg hinauf beginnt der Fußrist rechts zu schmerzen. Das hatte ich links am zweiten Tag auch schon und denke mir, wird eine leichte Reizung der Sehnen sein. Da ich in Erwartung steiler Anstiege die Stiefel heute morgen unten recht eng geschnürt habe, lockere ich die Schnürung und es wird etwas besser. Durch einen wunderschönen Wald schlängelt sich der Weg jetzt dem Feldberg entgegen. Mein Etappen-Ziel ist eine Unterkunft in “Feldberg-Ort”. Ich passiere einen Fischweiher, nach einer kleinen Waldetappe erreicht man einen wieder sehr einsam gelegenen Hof. Kurz danach darf ich wieder fluchtartig vom Forstweg springen, als mich ein LkW mit Tieflader in rasanter Vorbeifahrt einnebelt. An der Rufenholzhütte mache ich Pause und treffe dabei auf eine freundliche Wandergruppe. Die können kaum glauben, dass ich in Pforzheim losgelaufen bin. Ich auch nicht ;-) Nach der Hütte schmerzt mein Fuß wieder etwas mehr und ich gehe langsamer. Nach dem die Höhe über dem Feldsee erreicht ist gibt es immer wieder fantastische Ausblicke nach unten. Der Feldsee liegt ganz tief in einem fast runden Kessel, wie eine Art Vulkankrater. Die Hänge sind stark bewachsen, es ist Bannwald und sehr feucht, trotz der jetzt längeren trockenen Witterung. Eine Art Regenwald! Hier zweige ich vom Westweg ab, der jetzt weiter steil nach oben Richtung Feldberggipfel geht (3km). Ich umrunde den See Richtung Hotelkomplex “Feldbergerhof” und meinem Ziel. Inzwischen kann ich kaum noch laufen, es hilft auch nicht gerade, dass die Wegstrecke per Schild als “schwierig” angegeben ist, mit hohen Tritten, vielen Steinen und Wurzeln. Am Feldbergerhof komme ich aus dem Wald, es ist die Talstation des Wintersportgebiets. Das sieht jetzt im Sommer aus wie ein notgelandetes klingonisches Raumschiff. Nicht so toll. Da mein Wasser und die Energie alle ist, trinke ich im touristischen Auge des Sturms ein Apfelschorle 0,5 für sensationelle 4,60€. Ist mir aber zu dem Zeitpunkt völlig egal. Irgendwie schaffe ich noch die letzten zwei Kilometer bis zu meiner Unterkunft Gasthof Wasmer am Feldbergpass, das sich mit wohltuender Einfachheit von seiner Umgebung abhebt. Außer mir scheint wieder keiner da zu sein. Ist mir jetzt egal, ich ziehe die Stiefel aus und lasse mich aufs Bett fallen. Bin ich platt, es waren wieder an die 30km. Der Fuß zieht jetzt schon ganz ordentlich. Nach einer Dusche mache ich mich auf die Futtersuche. Direkt daneben im neugebauten Hotelkomplex finde ich Platz auf der Außenterasse und esse ganz passabel, wenn auch lange nicht so gut wie bei meinen anderen Unterkünften. Inzwischen zieht es zu, wird kühler und windiger. Ich ziehe mich zurück, in der Nacht fängt es an zu regnen.

Am nächsten Morgen kann ich rechts kaum den Fuß abrollen. So wird as mit dem Feldberg nicht klappen :-( Keine Ahnung, was da los ist. Die freundliche (und nicht unattraktive) Wirtin klingelt für mich den örtlichen Arzt durch, ich kann gleich zur Sprechstunde kommen. Wie nett von ihr. Ich packe zusammen und verabschiede mich. Mein Ziel ist hinter dem Feldberger Hof, wo ich gestern schon vorbeigekommen bin. Auf dem Weg dorthin merke ich aber bereits nach mehreren hundert Metern, dass die Wanderung vorbei ist: Der Fuß ist durch. Das wird auch mit einem Eßlöffel Voltaren nichts mehr. Ich spare mir das Wartezimmer und setze mich in den Bus nach Titisee. Dort fährt die Höllentalbahn Ri. Freiburg, und ich bin 13:30 wieder zuhause.

Später zuhause beim Arzt, die Diagnose nach dem Röntgen: Ermüdungsbruch! Der sog. “Marsch-Bruch”, der gern untrainierte(!) jugendliche Bundeswehrrekruten befällt. Und das in meinem Alter nach 200km. Jetzt müssen die letzten drei Etappen etwas warten. Ich glaube, der Hauptfehler war die enge Schnürung, verbunden mit dem längeren Wegstück auf Hartbelag. Hier treten dann doch recht große Kräfte auf, das habe ich wohl etwas unterschätzt. Ich hatte auch nicht-eingelaufene Wanderstiefel an, die aber auf den ersten Etappen überhaupt keine Probleme machten.

Das vorzeitige Ende ist für mich natürlich eine große Enttäuschung. Ich bin aber froh, dass ich den Großteil der Strecke ziemlich problemlos bewältigen konnte. Es ist auch überhaupt kein Problem, allein unterwegs zu sein. Die meiste Zeit verbringt man in einer Art Lauf-“Trance”, in der man viel Zeit hat, sich über alles mögliche Gedanken zu machen und die meiste Zeit dann an gar nichts denkt. Sehr entspannend. Außerdem trifft man ständig Menschen, es geht gar nicht anders. Viele spricht man einfach an, es entstehen Situationen, in die man gar nicht kommt, wenn man zu zweit oder in der Gruppe unterwegs ist. Das vergrößert das Erlebte über die reine “Gegend” oder “Wanderung” hinaus. Schwer zu beschreiben. Ich habe jedenfalls etwas Großartiges für mich gefunden.


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