Westweg Etappe 1: Pforzheim – Dobel

Montag, 19.6.2017
Einfach schön, am Montagmorgen mit kurzen Hosen, Wanderschuhen und Rucksack in die Bahn einzusteigen, während alle anderen ihre Aktentäschchen umklammern :)
Mit dem Zug um 7.14 war ich dann 8.39 in Pforzheim am Startpunkt. Noch ein kurzer Besuch beim Bäcker und ein Abstecher in die Drogerie (Autan!), dann flink auf den Weg Richtung Kupferhammer. Die ersten beiden Etappen bin ich bereits gelaufen, ich wusste also, wo es hingeht. Keine 10 Minuten vom Bahnhof klingelt das Handy: Wie könnte es auch anders sein, die Arbeit ruft mit murphyscher Präzision: Nach Updates am Wochenende funktioniert ein wichtiger Dienst nicht mehr. So wichtig, dass ich hätte gleich wieder in die Bahn einsteigen können. Von einer Bank im Lindenpark am Zusammenfluss von Nagold und Enz (sehr schöne Stelle) konnte ich allerdings meine Kollegin dirigieren, ein Backup einzuspielen, mit dem das System dann erfolgreich weiterlief. Ich darf also auf den Westweg. Am Kupferhammer mache ich das obligatorische Selfie und justiere nochmal den ungewohnt gewordenen Rucksack: Das Gewicht beeindruckt mich dann doch. Hinter mir bemerke ich wie eine Dame mit ebenfalls großem Rucksack verabschiedet wird, sie hat anscheinend dasselbe Ziel wie ich. Ich sollte sie noch einige Male treffen.
Kurze Zeit später die Nagold überquert, kurze Wegweiserverwirrung wegen einem Anruf (“System funktioniert wieder!”) sorgen für 3 Extra-Kilometer, nachdem mir irgendwann auffällt, das die Raute weg ist. Und das auf dem bereits bekannten Abschnitt! Peinliche Angelegenheit. Ich zurück, über die Bahn, durchs Wohngebiet wieder in den Wald. Dort widerfährt mir etwas ganz Eigenartiges: Ein großes schwarzes Etwas mit wenig weißen Anteilen flattert mit lautem “bibibibibibi” neben mir durch den Wald, heftet sich dann an einen Baum, und hebt sofort wieder in Gegenrichtung ab. Größe etwa ein stattliches Huhn. Könnte ich ein Auerhuhn gesehen haben? Die per Whatsapp kontaktierte Expertenrunde war sich uneins :-) So ein Viech hatte ich jedenfalls noch nie gesehen.
Etwas später gabelt sich der Weg: Ich habe die linke Variante an der Enz entlang gewählt und nicht die neuere Strecke “auf der Höhe”, die wir letztes Mal gelaufen sind. Ist in jedem Fall zu empfehlen, der Weg an der Enz ist viel schöner und vor allem wesentlich ruhiger. Man kommt außerdem am Schloß Neuenbürg vorbei, das man auf der anderen Seite komplett verpasst. Dort holte mich auch die Wanderin ein und überholte nach kurzem Gespräch: Ich merke, dass ich noch an meiner Form arbeiten muß. In der alten Burg hinter dem Schloß ist ein toller Grill/Rastplatz, der aber verschlossene Türen hat. Oben im nicht-begehbaren Gemäuer hausen einige Falken: Sie machen einen Mords-Radau, als ich unten durchquere.
Nach kurzer Pause den steilen Schlossweg hinab und über die Enz. Jetzt hat es deutlich über 30 Grad und es wartet ein steiler, unbeschatteter Aufstieg auf der anderen Seite. Scheint der einzige Nachteil dieser Wegvariante zu sein. Vorteil: Unten an der Abzweigung ist ein alter Brunnen direkt an einem Wohnhaus. Die Frau, die dort ihre Gießkannen füllt lacht, als ich meinen Kopf im Becken untertauche. Ganz schee hoiß heit! Oben angekommen durchquert man ein weiteres Wohngebiet, kommt wieder in den Wald und in kurzer Zeit auf der anderen Seite in Straubenhardt wieder heraus: Dort führt der Weg, der jetzt “Aussichtsweg” heißt, am Waldrand entlang mit einer gigantischen Aussicht. Sichtweite 100km+ würde ich behaupten, trotz leichtem Dunst. Als ich das letzte Mal hier war, hörte der Regen kurz auf und man konnte die Häuser von Schwann in 1km Entfernung erkennen.. Eine weitere Rast am Segelflugplatz, auf dem heute Betrieb ist. Bessere Bedingungen gibt es wohl kaum. Ich merke inzwischen die Hitze und das Gewicht. Doch es geht weiter, jetzt kommt ein längerer Waldabschnitt, der erst kurz vor Dobel endet. Was man dabei nicht so richtig bemerkt, ist die ständige, flache Steigung: Das Ziel liegt auf knapp 700m, Pforzheim auf 260m. Es ist klar: 2 Wasserflaschen sind bei den Temperaturen dafür unterdimensioniert.
In Dobel geht es die wenig attraktive Hauptstraße entlang bis zum Gasthof Linde, meinem Ziel. Der ganze Ort macht (mit Ausnahme der Asylbewerber in 2 Häusern) einen eher ausgestorbenen Eindruck. Essen und Übernachtung waren dagegen tadellos, sehr preiswert und empfehlenswert. Ein Vorteil hier: Es gibt Frühstück ab 6:30, was möglichweise auch an einigen Geschäftsreisenden liegt. Ich bin heute 30,1km gelaufen mit einem Schnitt von 4,1 km/h, eine Geschwindigkeit, die ich danach nie mehr erreicht habe. Wie bei jeder Etappe falle ich praktisch um, sobald das Abendessen mit dem Gerstensaft mein Inneres erreicht. Überdosis Frischluft.

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