iPhone und Apple

In meinem “offiziellen” Job bin ich nun seit 8 Wochen (mit einigen Unterbrechungen) mit Softwareentwicklung für das iPhone beschäftigt. An dieser Stelle möchte ich kurz meine bisherigen Erfahrungen resümieren. Vorausschickend noch anzumerken ist, daß sich vieles wie Meckerei anhört. Das sollte nicht so sein. Ich bin dem Apple-Virus nicht anheim gefallen, verwende die Geräte privat nicht und habe daher einen neutralen Standpunkt. Es geht nicht darum, ob iPhones cool oder praktisch sind. Eher, was passiert wenn man dafür Software entwickelt.

iPhone Entwicklung – lohnt sich das denn?
Die Frage aller Fragen. Angesichts der unüberschaubaren Flut an Apps im Apple Store kann das Gefühl entstehen, daß dieser Markt komplett gesättigt ist. Das stimmt allerdings nicht, denn es werden immer noch Neugeräte (und damit Apps) verkauft. Allerdings – um “entdeckt” zu werden muß man entweder kostenlos (Blödsinn, wir wollen Geld verdienen) oder sehr gut sein. Wer früh kommt, verdient allerdings auch mit simpelsten Anwendungen Geld. Inzwischen geht das aus meiner Sicht für den Apple-Store / Consumermarkt nur dann, wenn es nur wenig Konkurrenz für die “Idee” gibt. Man muss berücksichtigen: Wenn man, sagen wir, in 2 Wochen eine sehr einfache App entwickelt (ganz optimistisch gerechnet) bei einem hiesigen, sehr konservativen Tagessatz von 500€ und noch die Hardwareeinstiegskosten (iMac Mini + iPod = 1.000€) + 100€ Entwicklerlizenz dazunimmt, liegt man bei einer initialen Investition von 6.100 €. Setzt man 1€ an muss die App 8.714-mal heruntergeladen werden (Apple Steuer: 30%), bevor man den break even erreicht. Ab diesem Zeitpunkt verdient man Geld. Aber nicht vergessen: Das ist der Consumer-Markt. Man ist zum Support verpflichtet. Bekommt man von nur einem Promille aller Anwender eine E-Mail (ganz dolle optimistisch), muß man bis zu diesem Punkt schon 8 Supportanfragen bearbeiten. Oh, lala. “Läuft” es einmal, wird die Anwendung in der Regel sehr schnell gecrackt und Plagiate tauchen auf, wie Kollegen von mir schon erfahren haben. Die Verkaufskurve zeigt dann unwillkührlich wieder nach unten. Ein großer Vorteil soll natürlich nicht verschwiegen werden. Als Entwickler im stillen Kämmerlein hat man mit dem AppStore eine fantastische Vertriebskette zur Verfügung. Die Kunden müssen nicht mehr gefunden oder geworben werden. Falls, tja, falls sie einen innerhalb der derzeit rund 200.000 angebotenen Apps selbst finden. :-)
Jetzt entwickeln wir nicht für den Consumer-Markt. Wir haben Geschäftskunden, die Masse ist nicht entscheidend. Allerdings bleibt die Gerätevielfalt dieselbe. Zur Anwendungsentwicklung auf einem Endgerät existiert eine preiswerte Alternative, und zwar die Implementierung einer für mobile Geräte optimierten Webseite. In vielen Fällen müssen ohnehin online auf Geschäftsdaten zugegriffen werden, eine Internetverbindung ist also erforderlich. Und ob HTC/Android, Berry oder iPhone, es läuft überall (mehr oder weniger ansehnlich) gleich. Im Funkloch tut sich dann nichts mehr, aber das ist dann vom Anwendungsfall abhängig. Man prüfe also, ob man sich das antun will ;)

Restriktionen
In der Apple-Welt lebt man auf einer Insel. Das ganze System ist darauf ausgelegt, dass der Anwender und der Entwickler ausschließlich Apple-Komponenten verwenden. Das fängt schon bei Kleinigkeiten an, wie dem Anschluß einer herkömmlichen PC Tastatur an einem Mac mini. Oder die Darstellung der Apple-Dokumentation in anderen Browsern außer Safari. Oder der Verbindung zu Windows Shares im Finder. Lauter kleine Ärgernisse, die man zwar irgendwann durch Googelei lösbar sind, aber trotzdem nerven, weil es sich um bewußt ausgelegte Stolpersteine handelt. Wer will sich schon gern die Arbeitsweise vorschreiben lassen. Ganz extrem ist natürlich dann die Entwicklungsumgebung fürs iPhone, ausschließlich mit XCode auf einem Mac Betriebssystem. Das hat keine technischen Gründe. Besonders zynisch dabei ist aus meiner Sicht, daß die darunterliegenden Komponenten aus der Unix-Welt stammen und wie der GCC beispielsweise der GPL unterliegen. Alles sicherlich rechtens, komisch riechen tut es trotzdem.

Entwicklung
Wie entwickelt man denn nun? XCode entpuppt sich als vollwertige und moderne Entwicklungsumgebung. In der Produktivität bleibt das Programm trotzdem meilenweit hinter Visual Studio zurück, was an dem umständlichen Debugger und am Fehlen von Funktionen wie “Edit & Continue” und der etwas zähen Intellisense Unterstützung liegt. Objective-C hätte ich mir schlimmer vorgestellt, ich habe mich trotz meines etwas vorgerückten Alters relativ schnell damit zurechtgefunden. Aber die Bibliotheksfunktionen! Immer wieder herrlich, wenn man selbst primitive Dinge wie das Zusammenfügen von Strings in der Doku nachschlagen darf, nur weil man den Funktionsnamen wieder vergessen hat. Man merkt auch, daß die Programmiersprache nur auf C übergestülpt ist. Probleme wie die Korruption des Speichers oder Stacks, Zugriff auf de-allokierte Objekte und ähnliche Schweinereien die ich schon ziemlich verdrängt hatte sind wieder an der Tagesordnung. Mit den damit verbundenen Programmabstürzen. Es ist problemlos möglich, eine Maske im Interface Builder so zu konfigurieren, daß das Programm an einer vollständig irreführenden Stelle einfriert. Nicht falsch verstehen. Das ist alles lösbar, nur würde man seine Zeit gern für andere Dinge verwenden. Im Grunde wird man ständig daran erinnert, daß man nicht wiederverwendbare Fähigkeiten für eine Insellösung aufbaut. So könnte man natürlich auch bei .NET, Java und ähnlichem argumentieren, nur sind die Inseln dort eher.. Kontinente.

Lernen
Wie ein guter Student habe ich mir zunächst ein Buch bestellt. “iPhone SDK Application Development” von Jonathan Zdziarski. Ein ehemaliger iPhone Hacker, ich dachte, das ist ganz sinnvoll. Leider erfüllte es nicht ganz meine Erwartungen. Die API hat sich inzwischen etwas verändert, so daß viele Beispiele etwas veraltet sind. An vielen Stellen hätte ich mir auch etwas mehr Tiefe gewünscht, dafür dann evtl. andere Bereiche wie Audio weggelassen. Auch der Index hilft nur begrenzt bei Problemen. Ein Buch im Sinne eines “Cookbook”, wie es für viele anderen Sprachen gibt ist sicherlich sinnvoller für den Einsteiger. Für Detailfragen muß man ohnehin auf Google zurückgreifen. Ich frage mich inzwischen ernsthaft, ob Bücher in dieser Form überhaupt noch einen praktischen Nutzen haben, außer auf der Biographie des Autors einen äußerst positiven Eindruck zu hinterlassen. (SterneSterneSterneSterneSterne).

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